Mercedes-Benz G4 – Dreiachsiger Geländewagen

Zu Zeiten des zweiten Weltkrieges wandelte sich auch das Bild des Autos. Plötzlich waren Geländewagen gefragt, um im Militär dem jeweiligen Land zu dienen. Eine dunkle Zeit der Menschheitsgeschichte. Schwelgen wir nicht in düsteren Gedanken! Denn auch kuriose Fahrzeuge erblickten zu dieser Zeit das Licht der Welt. Eines davon ist der Mercedes-Benz G4. Wer „G“ hört, denkt auch an Gelände. Und genau dafür wurde er gebaut. Technische Besonderheit ist allerdings die Doppelachse im Heck. Wir blicken zurück auf den einzigartigen G4 aus dem Besitz des spanischen Königshauses.

Mercedes-Benz G4 – Patina aus 72 Jahren Geschichte

Der Geländewagen Mercedes-Benz G4 aus dem Jahre 1939 befindet sich heute im Originalzustand und ist einer von insgesamt 59 gebauten Fahrzeugen. Von diesen 59 G4 befinden sich wiederum nur 3 im authentischen Originalzustand. Die Restaurierung war also nicht einfach für das Team des Mercedes-Benz Classic Center. Technisch sollte der G4 in einen absolut einwandfreien Zustand versetzt werden, ohne aber ein neues Fahrzeug zu schaffen. Die Patina von 72 Jahren sollte bleiben und die Geschichte eines ungewöhnlichen Fahrzeuges erzählen. Gebrauchsspuren im Interieur und Spuren der Zeit am Exterieur wurden bewusst nicht entfernt.

Seine Vergangenheit führte den G4 in die Hände eines der mächtigsten Männer Spaniens. General Franco erhielt den Mercedes-Benz als Geschenk aus Deutschland. Ein Spiel der Mächtigen, was zu jeder Zeit in der Geschichte funktionierte. Nach dem Krieg ist vor dem Aufbau, so verbrachte der Geländewagen die letzten Jahrzehnte bei der Königlichen Garde in Madrid. Dort pflegte man den G4 und erhielt seine Substanz – eine Herzensangelegenheit im königlichen Fuhrpark.

Bevor nun 2001 der der Umzug in das Mercedes-Benz Classic Center anstand, wurde das Auto fast zeremoniell verabschiedet und bis zur französischen Grenze von einer bewaffneten Eskorte begleitet. Eindrucksvoll, diesen Aufwand würde sich auch mancher Politiker für seine Person wünschen. Die Restaurierung des G4 dauerte dann bis Dezember 2004, danach durfte das Fahrzeug zurück in sein „Heimatland“. Als ein Geschenk von Mercedes-Benz España befindet der G4 sich wieder im Besitz des spanischen Königshauses.

Die Rekonstruktion des Mercedes-Benz G4 beginnt

Der Zahn der Zeit hatte am G4 wenig ausrichten können, die Substanz war erstklassig. So wurde zunächst das Verdeck demontiert und die Karosserie abgehoben, womit das Chassis freigelegt war. Nach diesem heiklen Schritt ging es ins Detail, wovon kein Bauteil ausgeschlossen war. Alle mechanischen Komponenten wurden zerlegt, gereinigt, instand gesetzt und wieder montiert. Einige Funktionen der aufwändigen Technik wurden erneuert und wieder instand gesetzt. Die Akribie wird an kleinen, unscheinbaren Bauteilen deutlich. Wo immer es möglich war, wurde jede Schraube, jeder Bolzen und jede Hülse wieder aufgearbeitet. Das innere des Auspuffs blieb bestehen, während das marode Äußere originalgetreu rekonstruiert wurde.

Alle drei Achsen des Geländewagens wurden während der Rekonstruktion komplett zerlegt und überholt. Die Antriebsmechanik zeigte sich dabei in einem guten Zustand. Dass auch Profis nicht immer jedes Werkzeug parat haben, zeigt der Einsatz einer 20-Tonnen-Presse im Mercedes-Automobilwerk Untertürkheim um die Steckwellen der Hinterachsen zu lösen. Die Zahnräder wurden danach mit Dieseltreibstoff gereinigt, um die Oberfläche sauber aber mit einem leichten Fettfilm wieder einzubauen. Danach wurde das Achsgehäuse nicht mit üblichem Schmiermittel befüllt, was einige Bauteile aus Bronze der Differentiale angegriffen hätten, sondern mit einem speziellen Mittel auf Rizinusbasis.

Reihen-Achtzylindermotor trifft auf 3,7 Tonnen Fahrzeuggewicht

Angetrieben wird der G4 mittels vier Vorwärtsgängen, die Gänge zwei bis vier sind dabei synchronisiert. Ein Vorgelege-Getriebe sorgt für eine Untersetzung aller Fahrstufen, so dass zusätzlich vier Kriechgänge genutzt werden können. Die Differentiale sind im Gelände selbst sperrend – damals und heute nicht immer Serie bei einem Geländewagen. Für den Vortrieb im Mercedes-Benz G4 sorgt ein Reihen-Achtzylindermotor Typ M24 II mit 5,4 Liter Hubraum. Auf einen Kompressor wie im Sportwagen Typ 540 K wurde verzichtet. Die 3,7 Tonnen Fahrzeugmasse beschleunigten den G4 auf immerhin 67 km/h. Durch das hohe Gewicht ist der G4 leider auch nur eingeschränkt für das Gelände geeignet.

Seinen Ruhm verdiente sich der Wagen eher mit dem Flanieren, als schwieriges Terrain zu meistern. Nach dem Motor folgte als nächstes die hydraulische Zweikreis-Bremsanlage. Nach der Mechanik wurden neue Bremsleitungen eingezogen, die eigens aus Kupfer in der erforderlichen Dimension gefertigt wurden (wie auch die Kraftstoffleitungen). Mit Hilfe eines Unterdruckzylinders übt ein Kolben per Seilzug-Mechanismus zusätzliche Kraft auf das Bremspedal aus, welche ebenfalls rekonstruiert wurde. Bei der Kraftstoffversorgung des G4 kommen zwei elektrische Benzinpumpen, sowie eine mechanische und zum Schluss noch die Möglichkeit per Fallbenzin aus dem Reservekanister zum Einsatz.

Der gewaltige Motor des Mercedes-Benz G4.

Die Hochzeit des Mercedes-Benz G4

Nach der Mechanik ging es weiter mit der Elektrik am G4. Jeder Schalter wurde demontiert und wieder instand gesetzt. Sämtliche Instrumente wurden einer Überholung unterzogen – einer sehr zeitaufwändigen Arbeit. Sogar das Röhrenradio funktioniert nun wieder wie damals. Die Karosserie blieb weitgehend unangetastet, um den Charme des alten Fahrzeuges zu erhalten. So wurde der Lack aufgefrischt und die Chromteile bekamen eine Politur. An den unteren Partien der Türen fand sich Rost, welcher entfernt wurde. Unterhalb des Karosserieblechs befinden sich für damalige Zeit übliche, stabilisierende Holzelemente. Da sich dieses ebenfalls noch in einem guten Zustand befanden, stand nur eine Reinigung und Schutzbehandlung gegen Vertrockung an.

Nachdem sich das Fahrwerk des Mercedes-Benz G4 wieder im Bestzustand präsentierte, standen im Mercedes-Benz Werk Untertürkheim Probefahrten an, um die Funktion aller Bauteile zu testen. Zu diesem Zeitpunkt allerdings noch ohne Karosserie. Nach letzten Arbeiten im Detail kam dann der große Moment: Bei der „Hochzeit“ wurde die Karosserie wieder aufgesetzt und verband sich mit dem Chassis. Als Zeuge der Zeit- und Technikgeschichte befindet sich der G4 nun wieder im Fuhrpark des spanischen Königshauses, fahrbereit und mit komplett revidierter Technik.

Technische Daten des Mercedes-Benz G4

Allgemeine Daten über den Mercedes-Benz G4 (Baureihe W 31)

Schwerer geländegängiger Pkw, entwickelt für die Reichswehr.

  • Gebaut: 1934 bis 1939
  • Stückzahl: 57
  • Heute existent: 3 Fahrzeuge gelten als absolut authentisch. Weitere sind bekannt, doch gibt es wie bei anderen seltenen Mercedes-Benz Klassikern Nachbauten und Fälschungen.

Der G4 des spanischen Königshauses

  • Baujahr: 1939

Bestellt von der Reichskanzlei in Berlin als Geschenk an General Franco. Heute im Besitz der Automobilsammlung des spanischen Königshauses. Wurde gepflegt und instand gehalten von der Königlichen Garde im Königspalast El Pardo, Madrid. Restaurierung im Mercedes-Benz Classic Center von September 2001 bis Dezember 2004, Auftrag: Instandsetzung der Technik, keine Arbeiten an Karosserie, Innenausstattung, Verdeck, um die Patina zu erhalten und die Historie nicht zu zerstören. Alte und originale Bauteile wurden erhalten, wenn immer möglich. Nicht originale Bauteile wurden ersetzt und anhand der alten Zeichnungen nachgefertigt.

Allgemeine technische Daten des Mercedes-Benz G4, Baureihe W 31, 1934 – 1939

Allgemeine Daten

  • Radstand: 3100 + 950 mm
  • Spur vorne/hinten: 1620/1570/1570 mm
  • Maße L x B x H: 5360-5720 x 1870 x 1900 mm (mit Verdeck)
  • Bodenfreiheit: 233 mm
  • Wendekreis: 17 m
  • Wagengewicht: ca. 3700 kg (fahrbereit)
  • Zul. Gesamtgewicht: 4400 kg
  • Höchstgeschwindigkeit: Reifenbedingt erlaubt 67 km/h
  • Verbrauch: 28 Liter im Straßenbetrieb, 38 Liter im Gelände
  • Kraftstofftank: 90 Liter, manche Fahrzeuge 140 Liter

Motor

  • Daimler-Benz M24 bzw. M24 II, Reihenachtzylinder
  • Hubraum: Zunächst 5018 cm3, später 5401 cm3
  • Bohrung x Hub: 86 x 108 mm bzw. 88 x 111 mm
  • Leistung: 100 PS bzw. 110 PS bei 3400/min
  • Drehmoment: 28,8 mkg bei 1400/min
  • Verdichtungsverhältnis: 1:5,6 bzw. 1:5,2
  • Gemischaufbereitung: 1 Doppelvergaser
  • Ventile: hängend, seitliche Nockenwelle, Antrieb durch Stirnräder
  • Kühlung: Pumpe, 26 Liter Wasser
  • Schmierung: Druckumlauf, 10 Liter Öl
  • Batterie: 12 V 60 Ah bzw. 12 V 105 Ah
  • Lichtmaschine: 130 Watt
  • Anlasser: 1,5 PS bzw. 1,8 PS

Kraftübertragung

  • Antrieb auf vier Hinterräder, 2 selbst sperrende Differentiale
  • Kupplung: Einscheiben-Trockenkupplung
  • Getriebe: 4-Gang-Schaltgetriebe und Vorgelege-Getriebe
  • Übersetzungen: I/4,10, II/2,21, III/1,49, IV/1,00
  • Antriebs-Übersetzungen Vorgelege: Straße/1,00, Gelände/3,06

Fahrwerk

  • Kastenprofil-Rahmen
  • Vorderradaufhängung: Starrachse, Halbfedern
  • Hinterradaufhängung: 2 Starrachsen, beiderseits je 1 Halbfeder für 2 Räder
  • Lenkung: Schraubenspindel
  • Bremsen: Zweikreis-Anlage, hydraulisch mit Saugluftunterstützung, auf Vorder- und Hinterräder wirkend, mechanische Hand-Feststellbremse auf vordere Hinterräder wirkend
  • Schmierung: zentral
  • Räder: Stahlscheiben mit Tiefbettfelgen L 4,00 F x 17 bzw. bei Verwendung beschusssicherer Reifen 6,00 F x 17
  • Reifen: 7,5-17 mit Geländeprofil (normal oder beschusssicher)

Quelle & Bilder: Hersteller / Mercedes-Benz

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