Honda Gold Wing – Sofa on the road

Die Honda Gold Wing nimmt unter allen jemals gebauten Motorrädern eine absolute Sonderstellung ein. Geliebt, gehasst, bewundert, verehrt, vergöttert, beschimpft und belächelt. Die Honda Gold Wing war und ist gut für ein breites Spektrum an Emotionen. Das ist seit mehr als 35 Jahren so. Die Gold Wing lässt niemanden kalt. Für die einen ist sie schlicht „die Wing“ oder wahr gewordener Lebenstraum, für die anderen nur ein Haufen Kunststoff und Eisen oder gar eine Einbauküche auf zwei Rädern.

1975 – Geburtsjahr der Gold Wing

Als die flüsterleise Honda Gold Wing 1975 auf den Markt kommt, ist sie ganz anders als alle anderen. Vierzylinder-Boxermotor, Flüssigkeitskühlung, mit Zahnriemenantrieb, über 80 PS stark, Kardanantrieb – für damalige Zeiten mehr ein Auto als ein Motorrad, und dazu nicht einmal ein kleines oder schlechtes. Tatsächlich, in der Gold Wing wurden zahlreiche Autoteile verbaut. Die Zuverlässigkeit war entsprechend – vom anfälligen Motorrad keine Spur.

Im Gegenteil. Auch eine Triumph Trident, BMW R 90 S, Harley Davidson Electra Glide oder Moto Guzzi V 7 hätte – nüchtern betrachtet – gegen die Honda keine Chance. Sie ist einfach besser: schneller, zuverlässiger, komfortabler, problemloser. Bereits im ersten Jahr ließen sich 12000 Motorradkäufer davon überzeugen und griffen zum japanischen Reisesofa.

Honda GL1000 Gold Wing im ersten Verkaufsjahr 1975.

Der Tourer reift weiter  – GL1100 Gold Wing

Damit begann ein unaufhaltsamer Aufstieg für dieses vornehme, aber keineswegs hochnäsige Motorrad. Über die Jahre erfuhr die Gold Wing eine behutsame, fast immer sinnvolle Modellpflege. 1980 wurde der Hubraum auf 1100 Kubikzentimeter aufgestockt, erstmals gab es serienmäßig Seitenkoffer, Topcase und effektive Tourenverkleidung. Die Honda avancierte schnell zum Kilometerfresser – oder besser zum Meilenfresser, denn gerade die Amerikaner waren verrückt nach dem großvolumigen Komfort-Bike. Es war nur logisch – und typisch japanisch-vernünftig – dass die Gold Wing bald (übrigens bis heute) direkt in den USA produziert wurde.

Honda GL1100 Gold Wing 1981.

Mit der GL1500 kommt der Sechszylinder-Viertakt-Boxermotor

1988 stand die Motorradwelt Kopf. Die spinnen doch bei Honda! Aus dem Vierzylinder-Boxermotor der Gold Wing war ein Sechszylinder mit 1,5 Liter Hubraum geworden. Auch wer kaum etwas von Motoren versteht, kann sich vorstellen, was das für die Laufkultur dieses Ausnahme-Bikes bedeutete. Gegen die säuselnde sanfte Gewalt der Honda ist eine Mercedes S-Klasse V6-Maschine ein rüpelhafter Traktormotor. Wer´s nicht glaubt: bitte Gold Wing und Benz mit laufenden Motoren direkt nebeneinander stellen und dann mit dem Ohr ganz nah dran gehen. Die Honda läuft überhaupt nicht? Doch, sie läuft, nur macht der Mercedes nebenan so einen Lärm. Übertrieben? Nein.

Bei der Honda Gold Wing ist überhaupt nichts übertrieben. Es sieht nur so aus. Alles macht Sinn, typisch japanisch. Der Rückwärtsgang zum Beispiel, für den der Elektrostarter zuständig ist. Die serienmäßige Luftfederung, für die selbst PKW-Käufer der Premium-Klasse ordentlich draufzahlen müssen. Die Trittbretter, die Gegensprechanlage, das Soundsystem, der Bordcomputer.

Unnützer Firlefanz? Nein. Sorry, liebe BMW-, Moto Guzzi-, Triumph- und Harley Davidson-Fans. Das macht alles Sinn. Vollkommen unnütz sind hingegen die schnatternden Ventile einer BMW R 90 S, die Betonmischer-Vibrationen einer Moto Guzzi V 7, die Schüttelattacken einer Triumph Bonneville und die Fahrradbremsen einer Harley Davidson Electra-Glide. Das, was die Kult-Bikes aus Europa und von Harley an – oft sympathischen – Fehlern haben, wurde bei der Gold Wing radikal ausgemerzt. Vibrationen? Doch nicht bei einem Sechszylinder! Zu wenig Leistung? Dann gibt´s eben einen halben Liter Hubraum mehr, kein Problem. Zu laut? Einen dicken Wassermanntel drum herum, schon ist Ruhe. Bremse zu schwach? Dann werden eben größere Scheiben im Familienpizzaformat spendiert, was soll der Geiz!

Da war er, der Sechszylinder in der neuen Honda Gold Wing GL1500 von 1988.

Ist Sie nun teuer, oder nicht?

Apropos Geiz – natürlich war und ist eine Gold Wing immer teuer. Dafür war der Gegenwert stets ausgesprochen fair. Die ersten Vierzylinder-Gold Wing blieben noch brav unter umgerechnet 5.000 Euro, für das aktuelle Sechszylinder-Bike sind um die 30.000 Euro fällig. Dafür gibt´s auch bei Mercedes eine B-Klasse.

Wie fährt sich denn nun so eine Honda Gold Wing? Relativ unspektakulär, den Vierzylindern der Siebziger Jahre kann man sogar so etwas wie eine gewisse Wendigkeit quittieren. Natürlich sind die voll ausgestatteten Sechszylinder keine handlichen Kurvenräuber. Dafür liegen sie erstaunlich sicher, dem niedrigen Schwerpunkt des Boxermotors sei Dank. Und weil man die Maschine kaum hört und keine Vibrationen spürt, ist man oft schneller unterwegs als man vermutet hatte. Hinter der großen Verkleidung herrscht Windstille, auch das trägt dazu bei, dass man sich eher in einem Auto wähnt, obwohl dort die Sitze meist schlechter sind.

Die Gold Wing ist schon etwas Besonderes. Ein adliges Motorrad ohne die Allüren des Adels. Eine Wellness-Oase inmitten kreischender und röhrender Folterstühle. Und nur auf den ersten Blick erscheint die Honda Gold Wing vollkommen übertrieben und verrückt. Klar, der Luxus ist bei der „Wing“ Programm, macht aber immer Sinn.

Fotos: Hersteller / Honda

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